Früher war alles besser

5. August 2008

Ein Satz, den man nicht grade selten zu lesen bekommt, der immer dann aufgetischt wird, wenn es darum geht irgendeine Veränderung als schlecht hinzustellen. Ist es nur der Wunsch eine Veränderung rückgängig zu machen, auch wenn diese unaufhaltsam und unvermeidbar war oder ist es eher der Traum von einer vergangenen Zeit und die damit verbundenen Erinnerungen?

Ob etwas nun besser oder schlechter ist, mag jeder für sich entscheiden, jedoch kann eins ohne Probleme gesagt werden. Früher war vieles anders.
Vor nicht einmal 10 Jahren, was erdgeschichtlich nicht einmal eine wirklich messbare Zeit ist, ging man noch ins Internet und in die dort aufkommenden Communities um sich mit Menschen fremder Kulturen und über große Distanzen zu unterhalten. Das Internet war zu der damaligen Zeit die Verbindung zwischen vielen weit verstreuten Personen auf einer riesengroßen Erde.
Früher war man überrascht aus welchen unterschiedlichen Regionen oder gar aus welchen unterschiedlichen Ländern die Menschen sich an einem Punkt in diesem verbindenden Internet trafen und austauschen konnten.
Heute überrascht es nur noch, wenn man jemanden trifft, der nicht einmal ein paar Minuten mit dem Auto entfernt lebt. Genauso entwickeln sich auch die Communities auch immer mehr auf lokale Örtlichkeiten hin. Die Communities brechen teilweise in kleinere Ortsgruppen auf und werden regionaler. Chatcommunities bekommen Regionale Chaträume und Städte bekommen eigene Plattformen in großen Communities wie meinestadt.de.
Ist es das Internet, was durch seine immer größer werdende Vernetztheit und Geschwindigkeit eine Änderung zum eher lokalen Bereich fördert oder gar verursacht oder ist es dann doch eher der Mensch, der das Internet als Mittel nutzt?

Um sich einer solche Frage stellen zu können, muss man zuerst einmal die Gesellschaft selbst betrachten und in wie weit diese sich innerhalb dieser Zeit gewandelt hat.
Keiner kann den Einfluss des technologischen Fortschritts und den Wandel in der Sozial- und Gesellschaftsstruktur selbst bei einer solchen Frage außen vor lassen, denn jedem sollte klar sein, dass Dinge sich nicht selbst ändern, sondern immer vom Menschen nach seinen Bedürfnissen und seinen Vorstellungen verändert werden. Wenn man über eine Veränderung spricht, dann redet man damit auch immer über eine Veränderung der oder des Menschen, die damit zu tun haben.

Was veranlasste also das einst so globale und weltverknüpfende Internet sich zu lokalisieren, sich zu regionalisieren und sich zu minimalisieren? Warum wurde aus der Suche nach dem Menschen in der Ferne nun die Suche nach dem Menschen in der Nähe?

Ein nicht geringer Punkt, der dieses Umdenken und diesen Trend mit veranlasst hat, dürfte die Dimension der Gedanken sein. Vom Lokalen wurden sie immer globaler. Aus lokalen Problemen wurden globale Probleme. Richtige Lokalprobleme sind heute nicht länger auf der Tagesordnung, da die globalen Probleme aufgrund ihrer Tragweite und Wichtigkeit dafür keinen Raum lassen.
Bei Benzinpreisen von über 1,60 € je Liter, bei steigenden Strom- und Gaspreisen, bei (scheinbar) landesweit zunehmender Kriminalität, bei wachsender Terrorbedrohung aus Ländern, die dank unserem landesweiten Bildungssystems, von heutigen Schülern auf der Weltkarte nicht einmal mehr gefunden werden, wer interessiert sich denn da für die Lokalpolitik und lokale Probleme? Wen interessieren da die um Centbeträge angestiegenen Kosten für das Mähen von öffentlichen Grünflächen?

Aus dem Lokalfernsehen wurde nicht zuletzt dank Satellit, Kabel und DVB ein globaler Einheitsbrei, bei dem es egal ist wo man wohnt. Man kann alles sehen, sein Lokalfernsehen ist selbst im Ausland (und damit ist nicht nur Bayern gemeint) zu empfangen. Es macht keinen Unterschied wo man ist. Man bekommt überall das gleiche vorgesetzt. Wie kann dabei Fernweh auftreten?

Aus der lokalen Arbeitsplatzbindung wurde eine Globalisierung. Wer heute nicht bereit ist für seie Arbeit 50 oder gar 100 km zu fahren oder einen Umzug in Kauf zu nehmen, der unterliegt. Die Menschen sind gezwungen mobiler zu werden und so ist die Ferne kein befremdendes und unbekanntes Etwas, sondern Realität und teilweise Alltag.

Es ist auch egal wo sich jemand befindet, wenn man mit ihm sprechen will, reicht meist ein Anruf auf das immer griffbereite Mobiltelefon. Der Angerufene muss nicht wie früher lokal bei seinem Festnetzanschluss sein. Er braucht auch nicht ein Telefon mit Kabel hinter sich her ziehen und damit seine Mobilität einschränken. Dank Homezone ist er selbst dann nicht lokal zuhause, wenn dies vorgegaukelt wird.

Vor 40 Jahren war das Ziel der Mond, heute ist der Mars das Ziel. Genauso wachsen die Entfernungen zu den irdischen Zielen von Jahr zu Jahr und je größer die Entfernungen werden um so kleiner werden die Geräte, die uns den Weg zeigen. Die ganze Welt in einem Navigationssystem macht die Ferne doch greifbar. Die Ferne ist dadurch bekannter. Die Ferne ist da, wo ehemalige Nachbarn und Freunde leben, weil sie aus beruflichen Gründen umziehen mussten.
Per Telefon, natürlich zum gängigen Flatrate-Pauschaltarif, kann dann noch immer mit den hunderte von Kilometern entfernten Freunden über das konfektionierte und überall zu empfangende Fernsehprogramm geredet werden. Die Sprachqualität ist so gut als wäre man da, wenn an dieser Stelle der Slogan eines Mobiltelefonanbieters zitiert werden darf. Bei diesen Telefonaten kann man sich dann auch darüber unterhalten wann der nächste Besuch geplant ist und ob man sich von seinem neuen Navigationsgerät punktgenau zu der hunderte von Kilometern entfernten Lokalität der Freunde leiten lässt oder ob man dann doch lieber das Quer durch Deutschland Angebot des öffentlichen Fernverkehrs annimmt, schon um den Geldbeutel vor den steigenden Benzinpreisen zu schützen.

Das Internet war, ist und bleibt ein Mittel um mit den Leuten zu kommunizieren, die in der Ferne leben. Wen verwundert es aber, dass bei soviel Ferne im eigenen Leben, die eigene Nachbarschaft und teilweise die eigene Stadt zum Fernsten wird, was man hat.
Wo man früher überrascht war aus welchen Bereichen die Menschen kamen, die man im Internet getroffen hat, ist man heute doch überrascht jemanden aus seiner Nachbarschaft zu treffen. Verwundernd daran kann und sollte nur die Überraschung sein, denn wenn es wahrscheinlicher ist eine fremde Person aus dem eigenen Ortsbereich einige tausend Kilometer entfernt in einem Urlaubsland anzusprechen als bei einem Gang durch die eigene Stadt, sofern man dies überhaupt noch macht, sollte es nicht verwundern eben genau diese Menschen im Internet zu treffen als beim Laubfegen auf der Straße.